31. März 2021         OFFENER BRIEF

Wozu über Tübingen streiten, wenn Erlangen ein besseres Modell schaffen könnte?

 

Sehr geehrte Vertreter der Erlanger Politik und Gesellschaft,

 

 

 

soeben ist die Bewerbung Erlangens als Modellstadt zur Erprobung neuer Öffnungsstrategien in der Corona-Pandemie nach dem Vorbilde Tübingens von der bayerischen Staatsregierung abgelehnt worden. Laut Mitteilung in den Erlanger Nachrichten vom 31.03.2021 begründete der bayerische Ministerpräsident Markus Söder seine Entscheidung gegen Erlangen einzig und allein mit der Einwohnerzahl von über 100.000. Hierbei ignoriert er leider völlig die herausragende Qualität Erlangens als Medizinstandort innerhalb Bayerns und der gesamten Bundesrepublik, welche die Stadt als Modellstandort geradezu prädestiniert: Wir sind überzeugt davon, dass hier eine Möglichkeit verschenkt wird, bei der Bewältigung der Pandemie noch deutlich wegweisendere Ergebnisse zu erzielen, als das derzeit in Tübingen der Fall ist. Dies ist umso bedauerlicher, da Alternativen zum Lockdown-Automatismus dringend entwickelt werden müssen: Schon heute leiden unsere Kinder und Jugendlichen massiv unter geschlossenen KiTas und Schulen und damit verbundenem Bildungsverlust, Einzelhändler geben ihre Geschäfte auf, der Kulturbereich trocknet aus. Es ist zu kurz gedacht, alles auf die eine Karte der Impfungen zu setzen. Die Bemühungen von Landes-, Bundes- und Europaebene versprechen keine zeitnahe Durchimpfung der Gesellschaft und es ist nur eine Frage der Zeit und der Statistik, bis sich in Ländern mit explodierenden Inzidenzzahlen wie Brasilien, Indien oder Südafrika weitere Virusmutationen herausbilden werden. Ob die heute verfügbaren Impfstoffe schnell genug weiterentwickelt werden können, um weiter ein wirksames Mittel zu haben, bleibt offen. Einen Dauerlockdown würde unser Land, würden unsere Kinder in jedem Fall aber nicht verkraften.

 

Konkret möchten wir daher anregen, in Erlangen ein Konzept zu erarbeiten, das es erlaubt, ein Mindestmaß an öffentlichem Leben auch während dieser (oder künftiger!) Pandemielagen zu ermöglichen. Alle hierzu notwendigen Kompetenzen sind in Erlangen gebündelt: Mit einem Universitätsklinikum, das umfangreiche Erfahrungen mit der Behandlung von Covid-Patienten, Hygienekonzepten und Impfstrategien besitzt, sowie Fachleute aus Virologie, Infektiologie oder auch Kinderpsychologie (um nur einige zu nennen) beschäftigt, die einen Modellversuch wissenschaftlich begleiten könnten. Die Friedrich-Alexander-Universität verfügt darüber hinaus auch in der naturwissenschaftlichen Fakultät über hervorragende Kollegen, etwa in der Mikrobiologie, die beispielsweise die innovativen Pooltests in Erlangen vorangetrieben haben. Des Weiteren besteht seit langem eine intensive Zusammenarbeit zwischen der Medizinischen Fakultät, der Technischen Fakultät und Siemens Healthineers im Bereich Medizintechnik, welche zum Beispiel genutzt werden könnte, um eine App zu entwickeln, die nicht nur der Kontaktverfolgung dient, sondern auch Daten zur wissenschaftlichen Aufarbeitung und Analyse sammeln könnte, begleitet von den Experten aus den Rechtswissenschaften und dem Ethikrat zur datenschutzrechtlichen Absicherung. Wenn die Politik in Bund und Land in zunehmender Zerstrittenheit versagt, müssen wir gemeinsam vor Ort handeln und einen Weg aus der Krise aufzeigen.

 

Wir möchten Sie daher bitten, die Kräfte Erlangens zu bündeln und Strategien für eine solche gemeinsame Initiative zusammenzutragen. Darauf aufbauend könnten wir mit allen Akteuren aus Erlangen ein zukunftsfähiges Konzept erarbeiten, das es erlauben wird, auch mit einem Virus zu leben. Lassen Sie uns zusammen daran arbeiten und uns gemeinsam auf allen Ebenen für die Ermöglichung eines eigenen Erlanger Modells stark machen. Um dafür einen Startschuss zu setzen, werden wir Ihnen in Kürze als nächsten Schritt die Einladung für einen digitalen runden Tisch zukommen lassen. Über Ihr Mitwirken an einem parteiübergreifenden Projekt für Erlangen und gegen Corona würden wir uns sehr freuen.

 

 

 

Freundliche Grüße

 

 

 

                                     

 

Britta Dassler, MdB                                                                                    Matthias Fischbach, MdL

Mitglied des Deutschen Bundestages                                                    Mitglied des Bayerischen Landtages

 

 

                                                

Lars Kittel                                                                                                    Prof. Dr. Holger Schulze

Erlanger Stadtrat                                                                                       Erlanger Stadtrat